Bildwirkung und Selbstentdeckung

Kunst als Tiefenpsychologie 

Die Tiefenpsychologie ist untrennbar verbunden mit der Wirkung von Kunst. Kunst und Kultur spielte nicht nur im Leben von Sigmund Freud und C. G. Jung eine besondere Rolle, sondern prägte auch ihr Werk ganz entscheidend. Freud beschäftigte sich mit der Bedeutung biografischer Momente im Schaffen von Michelangelo, Johann Wolfgang von Goethe, Henrik Ibsen. Er rekonstruierte die unbewusste Ausdrucksbildung in William Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, Leonardos „Mona Lisa“ und in Wilhelm Jensens „Gradiva“. Für Jung öffnete sich in Kunstwerken ein Fenster in das kollektive Erbe der menschlichen Existenz, in die Welt der Bilder und Mythen, die in der Geschäftigkeit des Alltags und der Rationalität der Wissenschaft beiseitegedrängt werden.   

Tiefenpsychologie und Bildwirkung 

Tiefenpsychologische Aussagen zur Kunst beziehen sich größtenteils auf die Psychologie der Künstler*innen, gelegentlich auf die Psychologie der Werke, kaum einmal auf die Psychologie der Betrachtenden. Persönlich unerhört fasziniert und auch bedrängt von den Darstellungen der Kunst, haben sich die Tiefenpsychologen der ersten Generation mit Bildwirkung nur am Rande beschäftigt. So nimmt Freud in seinem kurzen Aufsatz zum Moses des Michelangelo ausführlich Stellung zum Künstler und seinem Werk, die Wirkung der beeindruckenden Moses-Skulptur hingegen versteckt er in scheinbar unverbindlichen Einleitungssätzen, in denen Freud selbst in der Masse der durch Rom schlendernden Kunstliebhaber*innen untertaucht. 

Moses von Michelangelo, San Petro in Vincoli, Rom (Foto von Jörg Bittner) CC BY 3.0

„Der Moses des Michelangelo“ 

„Wie oft bin ich die steile Treppe vom unschönen Corso Cavour hinaufgestiegen zu dem einsamen Platz, auf dem die verlassene Kirche steht, habe immer versucht, dem verächtlich-zürnenden Blick des Heros standzuhalten, und manchmal habe ich mich dann behutsam aus dem Halbdunkel des Innenraumes geschlichen, als gehörte ich selbst zu dem Gesindel, auf das sein Auge gerichtet ist, das keine Überzeugung festhalten kann, das nicht warten und nicht vertrauen will und jubelt, wenn es die Illusion des Götzenbildes wieder bekommen hat.“ (Beginn des im Jahr 1914 anonym veröffentlichten Aufsatzes über den Moses des Michelangelo von Sigmund Freud) 

Moses und die Selbstentdeckung Sigmund Freuds 

Plötzlich und unerwartet war Freud der überlebensgroßen Skulptur bei seiner ersten Romreise im Jahr 1901 in der Kirche des Papstes Julius II., San Pietro in Vincoli, vor die Augen getreten, und tat dies, mit Schreibstift und Skizzenblock bewaffnet, bei darauffolgenden Rombesuchen immer wieder und offenbar stundenlang. Aus mühsam zusammengesuchten Dokumenten hat die Freud-Forschung rekonstruiert, dass die Wirkung, die von diesem Kunstwerk auf ihn ausgeht, nicht allein in der Gestaltungskunst des Bildhauers begründet war: In der Konstellation von Moses, Michelangelo, Julius II. wird der Gründer der Psychoanalyse mit einer ganzen Figuration von persönlichen Motiven konfrontiert: seiner ungeheuren Ambitioniertheit, der in einem Leben gar nicht zu leistenden Aufgabe eines gewaltigen Werkes, einer übersensiblen Verletzlichkeit, unter der Freud und seine Gefolgsleute leiden, und der maßlosen Enttäuschung über den von ihnen ausgehenden Verrat (C. G. Jung). 

Kunstbetrachtung ist Selbsterfahrung 

Kunstwerke machen den Betrachtenden Angebote, durch ihre bildlichen und figurativen Momente hindurch neue und andere Wege zur Selbstentdeckung zu wagen. Dazu ist es nötig, die Kunstwerke ausdauernd zu beobachten und sprachlich zu beschreiben oder künstlerisch nachzumodellieren (wie Freud das tat). Kein Kunstwerk ist auf eindeutige Intentionen (der Künstler*innen) und klare Botschaften (an die Betrachtenden) zu reduzieren. Immer sind es komplexe Figurationen, die den Transfer von Kunst- und Lebenswerk regulieren. Es ist verblüffend zu sehen, wie vielfältig sich die Kunstwirkung für unterschiedliche Betrachter gestaltet – und geradezu unheimlich, wie es in vielen Varianten doch immer wieder um die gleichen Themen dreht – bei Moses um Führungskraft, Dominanz, Nichtzuendekommen, Verletzlichkeit.  

Von der Wirkungsanalyse zum Kunstcoaching 

Die Wendung von der Kunstwirkung zur Selbstentdeckung hat Freud nicht bewusst unternommen, sondern hintergründig mitbewegt. Ein freier Blick auf die Selbstentdeckung in der Kunst ist ohne Hilfe auch schwer möglich; dazu bedarf es der Begleitung durch vermittelnde Dritte. Seit 20 Jahren arbeitende ausgebildete Kunstcoaches in Rom mit dem Moses des Michelangelo, unserem „besten Mitarbeiter“. In mehrtägigen Workshops besuchen wir den Moses seit 20 Jahren mit Führungskräften, Studiengruppen und Studierenden. In Gruppensettings erfahren die Teilnehmenden nicht nur die Wirkung des Kunstwerkes auf sich selbst, sie erfahren im Kontext anderer Sichtweisen die Besonderheiten ihres persönlichen Zugangs zum Kunstwerk und ihre dabei deutlich werdenden Wahrnehmungsmuster. So entdecken Manager ihr eigenes Führungsprofil und Studierende erhalten ein Verhältnis zum Selbstgestaltung ihrer privaten und beruflichen Zukunft.