Die Entdeckung der Bildwirkung

Kunst für die Ewigkeit 

Wer heute in Museen geht, nimmt sich im Durchschnitt 11 Sekunden Zeit dafür, ein Kunstwerk zu betrachten. Das ist völlig legitim und im Übrigen nur ein wissenschaftlich ermittelter Durchschnittswert. Gemacht sind Kunstwerke aber nicht für den Augenblick, sondern für längere Betrachtungszeiten oder genauer gesagt: für die Ewigkeit. Denn Kunst gibt es seit Beginn der Menschheit, und die ersten (Höhlen-) Malereien haben sich bis heute erhalten. Die frühen Kunstwerke standen jedem Menschen zeitlebens vor Augen. Mit der Verfeinerung der Kunst- und Kultformen wanderten sie in Tempel und Kirchen und blieben auch hier beständig vor Augen. Als Kunstwerke vom Reichtum ihrer Besitzer künden sollte, füllten sie die Paläste, mit der Aufklärung mischten sie sich unters Volk. Die zeitweilige und kurzzeitige Präsentation von Werken in Ausstellungen und Galerien ist eine kulturgeschichtlich eher späte Praxis.  

Was passiert bei der Kunstbetrachtung? 

In den „Berliner Abendblättern“ nehmen vor mehr als 200 Jahren die Schriftsteller Achim von Arnim und Clemens von Brentano Besucher einer Ausstellung kritisch unter die Lupe. Was diese zu den Bildern zu sagen haben, stempelt sie in aller Regel als Langeweiler und Banausen ab. Interesse zeigen Galeriebesucher nämlich am ehesten für den Preis der ausgestellten Werke, für Skandale im Künstlerleben und für die Besucherinnen und Besucher um sie herum. Nur selten kommen im Smalltalk der Kunstbetrachter die Werke selbst zur Sprache oder gar die mit ihnen gemachten persönlichen Erfahrungen. Das bringt die Schriftsteller auf die Idee, sich selbst auf die Wirkung der Bilder einzulassen und dem Erleben ausdauernder Betrachter nachzuspüren – eine Vorahnung von Kunstcoaching. 

Menschen verwandeln die Kunst – Kunst verwandelt die Menschen 

Ein zeitgenössischer Künstler, der sich für die Bildwirkung seiner Gemälde interessiert, ist Caspar David Friedrich. Er arbeitet an seinen Kunstwerken oft mehrere Jahre lang und zeigt sie seinen Besuchern im Entstehungsprozess. Erhalten geblieben sind Kommentare zu einem seiner Hauptwerke, dem „Mönch am Meer“, dessen insgesamt kaum figurierte Gesamtfläche durch einzelne gegenständliche Elemente wie fliegende Möwen, die Sichel des Mondes und zwei Schiffe am Horizont akzentuiert sind. Das beruhigt die Betrachter und Friedrich reagiert prompt. Durch Übermalungen räumt er sein Bild leer und steigert dadurch die freiflächige Wirkung einer verlassen dem Meer zugewandten Strichfigur. 

Im Angesicht des Unendlichen 

„Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter trübem Himmel, auf eine unbegränzte Wasserwüste, hinauszuschauen. Dazu gehört gleichwohl, daß man dahin gegangen sei, daß man zurück muß, daß man hinüber mögte, daß man es nicht kann, daß man Alles zum Leben vermißt, und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Fluth, im Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, dem einsamen Geschrei der Vögel, vernimmt. Dazu gehört ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch, um mich so auszudrücken, den Einem die Natur thut…“ (Clemens von Brentano am 13.10.1810 in den Berliner Abendblättern). 

Kunstwirkung bis es weh tut 

Auf der Suche nach dem Wie des Erlebens bestätigen die Schriftsteller Arnim und Brentano die vom Künstler gewünschte Wirkung: Einsamkeit, Abwendung, die Ahnung von Unendlichkeit, den Sog hinein in die unbegrenzte Wasserwüste, das Nicht-da-bleiben-Wollen und das Nicht-Wegkommen. Was den Menschen am Saum des Meeres bewegt, geht auf den Betrachter über und wird geradezu körperlich spürbar. Dem Herausgeber der Abendblätter, Heinrich von Kleist, klingen die wohl gesetzten Worte seiner Autoren zu abgeklärt. Kunst ist nicht zurückgenommene Erfahrung aus sicherer Beobachtungsposition, sondern steigert noch, was die Wirklichkeit zu bieten hat. Ungeduldig fällt er den Dichtern ins Wort und übernimmt – zu deren Verärgerung – mitten im Text selbst die Regie: „…Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei geheimnißvollen Gegenständen, wie die Apokalypse da, als ob es Joungs Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm, zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als ob Einem die Augenlieder weggeschnitten wären“ (Heinrich von Kleist als anonymer Mitschreiber im gleichen Aufsatz).

Kunst steigert Wirklichkeit 

Ansichten der Kunst zeigen nichts Anderes als, was der Alltag vor Augen stellt. Und doch erscheinen Kunstwerke anziehend, intensiv, fremd, verrückt. Sie zerlegen den fest gestellten Blick des Alltagsmenschen in seine Komponenten wie ein Prisma das scheinbar farblose Licht. Sie zeigen, dass Erfahrung grundsätzlich ambivalent ist, vielschichtig, tiefgründig. In jedem Augenblick machen wir uns die Wirklichkeit so einfach wie möglich. Das schafft Ordnung beim Sortieren der Alltagsgeschäfte – bei aufkommender Beunruhigung, in Lebenskrisen, in Phasen der Selbstvergewisserung und der Neuorientierung hilft es hingegen ungemein, die Welt durch das Spiegelglas der Kunst zu betrachten. 

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