Was ein toter Hase über Kunst sagen kann?

Rätsel – Kunst 

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit (K. Valentin). Schon immer haben Menschen sich gewundert, worauf die Kräfte zehrende Arbeit von Künstler*innen hinauswill. Auf einen bestimmten Zweck konnte sich die Geistesgeschichte aber nicht einigen. Für Immanuel Kant zeichnet sich das Ästhetische vielmehr gerade durch „interesseloses Wohlgefallen“ aus. Kunst genügt sich selbst, heißt es auch: L’Art pour l’Art. Und doch sind die Menschen von den gehaltvollen Darstellungen der Musik, Dichtung und bildenden Kunst ganz wesentlich bewegt. Moderne Künstler haben deshalb darauf hingewiesen, dass die feine Zurückhaltung von (weltlichen) Interessen weder kunst- noch gesellschaftstauglich ist. Für Joseph Beuys etwa kann und soll die Kunst dazu befreien, Wirklichkeit als gestaltbar zu erleben und mit befreiten Kräften sozial, gesellschaftlich, politisch tätig zu werden. 

Kunst Verstehen 

Mit dem Verstehen ist es nach Beuys so eine Sache. Was will uns der Maler sagen? Was ist die Aussage des Werks? Was kann ich von meiner Betrachtung lernen? Das Ringen um Verständlichkeit ist Kunstschaffenden wie Kunstbetrachtenden zu eigen. Wenn Werke sich aber darin erschöpfen würden, Botschaften vom Künstler / der Künstlerin ans Publikum zu übermitteln, warum dann nicht gleich sagen, was gemeint ist – das würde eine Menge Arbeit auf Seiten der Kunstschaffenden und viele Missverständnisse auf Seiten der Kunstrezeption ersparen. Beuys war dagegen der Meinung, dass Fremdheit und Vieldeutigkeit ursprüngliche Bestimmungen von Kunst sind und den Menschen mit der Fremdheit und Vieldeutigkeit seiner eigenen Sicht auf die Wirklichkeit bekannt machen kann. In diesem Sinne ist die Kunst notwendig auch Zumutung, Provokation. 

„Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ 

Für eine seiner nachhaltigsten Aktionen präparierte Beuys seinen Kopf mit einem Gemisch aus Goldstaub, Blattgold und Honig und ging bedächtig in Schuhen aus Filz und Eisen mit einem toten Hasen im Arm durch eine Düsseldorfer Galerie, um sich mit ihm ausdrucksvoll in gespieltem Zwiegespräch von Bild zu Bild zu bewegen.

Viel wurde spekuliert, was der Künstler seinem Publikum mit diesem begleiteten Ausstellungsbesuch mitteilen wollte, wozu Beuys gern mit Andeutungen und Kommentaren beitrug: So stehen die kosmetischen Materialen für Reinheit, Weisheit und Natürlichkeit, der tote Hase für Üppigkeit und Fruchtbarkeit des Lebens wie auch für dessen Endlichkeit und leichtfertige Zerstörung, zugleich für seine regenerative Kraft (Auferstehung). Mit Aktionen wie dieser plädiert Beuys schon in den sechziger Jahren für die Achtung vor der Kreatur und den von ihr verkörperten Lebensbedingungen des Menschen. 

Was Beuys dem Publikum damit sagt 

Hier bleibt ein Rest, der in Besprechungen der Aktion nur anklingt. Denn so einfach ist die Sache mit der tierfreundlichen Besucherführung nicht. In seinen Aktionen geht es Beuys nicht allein um die Sprache der Bilder, sondern auch darum, was Kunst möglich macht und was sie womöglich verhindert. Was der Künstler dem Hasen im Inneren des Galerieraumes in geduldiger Betrachtung und Reflexion offenbart, bleibt dem anwesenden Fachpublikum nämlich verborgen. Das steht ausgesperrt draußen und drückt sich, während der Meister den zwar toten, aber allem Anschein nach äußerst gelehrigen Hasen geduldig von Bild zu Bild führt, die Nasen platt. Keine Botschaft ist in diesem Fall sehr wohl eine Botschaft, denn ein toter Hase versteht von der Kunst offenbar immer noch mehr als eine Meute von kunstbeflissenen Galeriebesucher*innen. 

Der Hase und der Igel 

In einer Talkshow äußert sich Joseph Beuys Jahre später zu der wegweisenden und gleichermaßen irritierenden Kunstaktion mit dem Hinweis darauf, dass Verstehen im Fall der Kunst nicht durch sachlogische Aussagestrukturen geleistet werden kann, sondern nur durch bildhafte Annäherungen und Beschreibungen, die die Sphäre des gesunden Menschenverstandes überschreiten. Kunst führt in eine märchenhafte Wirklichkeit, in der Menschen und Tiere ganz selbstverständlich in den Dialog mit der Natur eingebunden sind. Im Spiel mit der gemeinsamen und doch so unterschiedlichen Kreatürlichkeit von Künstler, Publikum und totem Hasen kommt ein Kritiker der Aktion vielleicht nicht ganz zufällig auf die Märchenhaftigkeit der Szenerie zu sprechen: „So vermute ich, dass eher der tote Hase die Bedeutung der Kunst begreift, als der sogenannte gesunde Menschenverstand. Der menschliche Betrachter zeigt sich ohne jedes Verständnis, da er schon immer alles verstanden hat, noch bevor er überhaupt richtig hingeschaut hat, d.h. im Wettlauf mit dem Hasen gefällt er sich in der Rolle des Igels.“ (Marcel Chromik).